Rückblick Thailand Retreat #2 – Der Almosengang

19 Okt
2011

Mit Blick auf die Uhr, es war 05:30 Uhr, hielt ich mich im Hintergrund der Sala auf und beobachtete wie die Mönche schweigend ihre nach Hierarchie geordneten Plätze vor dem Almosengang (Tak Bat) vorbereiteten. Überschwängliche Begrüßungen waren nicht an der Tagesordnung und wurden durch ein freundliches Lächeln und ein wohlwollendes Nicken ersetzt. Die Bettelschale (Bat) wurde samt Ihrem Fuß vor einem, mit Hilfe einer Naht in Richtung Buddha Statue ausgerichtetem, quadratischen Sitztuch an dessen rechter Ecke platziert. Ich beobachtete wie die Mönche an der linken Seite ihres Tuches entgegen des Uhrzeigersinns je eine gereinigte Spuckschale, ein gefaltetes Essenstuch, ein kleines Reinigungstuch, sowie die im Vorfeld mit Wasser gefüllte Teekanne samt Trinkbecher platzierten und millimetergenau ausrichteten. Die Vorbereitungen abschließend, öffneten sie den Sicherungsknoten, der die Bettelschale auf Ihrem Sockel (Tao Bat) hält, gossen etwas mitgebrachtes Wasser aus der Teekanne in die Schale, um das wichtige Utensils vor dem Antritt des Almosengangs erneut auszuspülen. Nachdem das zur Säuberung verwendete Wasser in die Spuckschale geschüttet wurde, legten die Mönche Ihre Wanderrobe (Jiwon) an, bereiteten den Platz des Abts mit großer Sorgfalt vor und begaben sich auf den Weg in die angrenzenden Dörfer.

Es regnete an diesem Morgen in Strömen. Im Gegensatz zu den Mönchen besaß ich noch keinen Regenschirm, sondern nur die mir am Vortag ausgehändigten weißen Kleider eines Anwärters (Nak). Meine mir zugewiesenen Roben durfte ich noch nicht anlegen, da meine richtige Ordinierung erst noch ausstand. Pünktlich um 6 Uhr machten sich die ersten Mönche in einer scheinbar bestimmten Reihenfolge in kleinen Gruppen, teilweise aber auch alleine, auf ihren Almosengang in die umliegenden Dörfer. Da niemand mit mir sprach, was ohne Dolmetscher sowieso wenig Sinn gemacht hätte, und ich keine genauen Anweisungen für den heutigen Tagesablauf erhalten hatte, beschloss ich mich einer kleinen Gruppe beobachtend anzuschließen. Ich tat es meinen Vorbildern nach, entledigte mich meiner Latschen und begab mich mit Respekt gebührendem Abstand auf den Barfußmarsch in Richtung Dorf. Ab und an drehte sich einer der Mönche schweigend um und deutete mir an umzukehren, was ich auf den Dauerregen bezog. Ich schüttelte freundlich mit dem Kopf, zeigte in Richtung mit Regenwolken verhangenem Himmel und deutete mit einer abwärts winkenden Hand ein „Macht mir nichts aus“ an.

Während der ersten Kilometer verlief der Weg über eine asphaltierte, in den Dschungel gefräste Straße. Die Grenzen zwischen Natur und von Menschenhand geschaffenem waren bei diesem Wetter sprichwörtlich fließend. Kleine, durch den Monsunregen entstandene Bäche flossen am Rand der leicht abschüssigen Straße in den Dschungel und ließen dabei unterspültes Wurzelwerk in kleinen Gräben zurück. Das ungewohnte, teils sehr schmerzvolle Gefühl von Rollsplitt unter meinen vom Regenwetter angefeuchteten Fußsohlen lehrte mich Ausschau nach größeren Ansammlungen von Steinen auf dem vor mir liegendem Weg zu halten. Da ein Slalom laufender Mönch sicherlich eine gewisse Aussenwirkung hinterlassen würde, probierte ich diverse Geh- und Abrolltechniken aus und versuchte zeitgleich mit jedem Fußtritt ein paar der unfreiwillig mitgenommenen Kiesel abzustreifen.

Je weiter wir uns von der Tempelanlage in Richtung der Dörfer entfernten, desto stärker lichtete sich der Dschungel. Wo sich einst dicht wuchernde Vegetation befunden haben musste, waren nun Nutzfelder soweit das Auge reichte. Jeder freie Quadratmeter wurde von den Bewohnern dieser Region für Reisfelder, Maniokplantagen und Gummibaumhaine bis nah an die Grenzen der Anlage hin genutzt. Ich stellte mir vor, wie es hier wohl noch vor einigen Jahrzehnten ausgesehen haben musste und erkannte, dass es ohne Tempel sicherlich keinen Dschungel mehr in dieser Region geben würde. Die von den Witterungsverhältnissen stark beanspruchte Asphaltierung der Straße fehlte etappenweise vollständig. An Stelle des schwarzen Belags trat die für diese Region typische, karminrote Erde in Erscheinung, was meinen Fußsohlen zwar eine angenehme und insbesondere bei dieser Wetterlage kühlende Abwechslung verschaffte, zeitgleich aber auch neue Probleme aufbrachte.

Der sonst knochentrockene und staubige Untergrund hatte sich in eine rutschige Oberfläche verwandelt. Ich versuchte mich durch Beobachtung der Gangart der vor mir laufenden Mönche an die neuen Gegebenheiten anzupassen und nahm mir vor das mit den Augen erlernte noch vor dem Erreichen des Dorfeingangs zu adaptieren. Hilfestellung bei der Umsetzung gaben mir die im Schlamm hinterlassenen Fußabdrücke meiner Anführer, dank derer ich unbeschadet und somit auch sauber, jedoch mit reichlich durchnässter Kleidung das Dorf erreichte. Die drei Mönche meiner Gruppe, von denen der rangniedrigste zusätzlich die Bettelschale (Bat) des Abts mitgenommen hatte, blieben vor dem Eingang des ersten Grundstücks stehen. Ich wartete vor einer kleinen, aus Holzresten gebauten Brücke, welche die Hauptstraße über einen etwa anderthalb Meter tiefen und doppelt so breiten Kanal mit dem Grundstück verband. Die unterschiedlich großen Planken der Brücke hatten schon bessere Tage gesehen und wirkten alles andere als vertrauenerweckend. Die nur mit viel Mut erreichbare Holzhütte stand landestypisch auf einigen Holzsäulen. Während sich das Leben der Besitzer meist nur zur Schlafenszeit innerhalb der Hütte abspielt, wird ein Großteil des Tages unter dem Schatten spendenden Konstrukt verbracht. Ich vernahm ein lautes Knarzen, welches ich einem Lautsprecher, der an der Spitze einen Stromastems thronte, zuordnen konnte.

Es erklang die Stimme des Dorfsprechers, dessen vollständige Begrüßungsformel und Erzählungen ich nur grob über ein paar verstandene Brocken erraten konnte. Die aufgeschnappten Worte „Luang Por“ (Ehrenwerter Vater), „Tam Boon“ (Erwerb von (Karma-)Verdiensten) ließen mich auf eine Ankündigung des Almosengangs schließen. Es folgten, so vermutete ich weiter, Zitate und Ratschläge für den Tag.Nach einigen weiteren Minuten Wartezeit, während der wir dem Dorfsprecher aus dem knarrenden Lautsprecher lauschten, machte ich den Abt des Klosters in Begleitung zweier seiner Hunde in der Ferne aus. Die Mönche begannen ihre mitgebrachten Bettelschalen für den mit Ankunft des Abts beginnenden Almosengang vorzubereiten. Hierzu wurde der obere, mit einer Schlaufe verzwirbelte Knoten der Tragetasche gelöst, der die Schale transportfähig macht und den Deckel an seinem vorgesehenem Platz hält. Dies geschieht während die Schale lediglich mit einem Tragegurt auf der Schulter balanciert wird. Wurde die Schale nach der letzten Reinigung nicht richtig eingepackt und festgeschnürt, verlagert sich mit dem Öffnen der Hülle der Schwerpunkt und der wichtigste Besitz des Mönchs tritt Newtons Beweis an, wie ich wenige Tage später schmerzlich erfahren durfte.

Als sich der Abt auf unserer Höhe befand, wurde ihm im Vorbeigehen seine vorbereitete Schale durch den zuständigen Mönch gereicht, die er gekonnt und ohne Unterbrechung seines Laufs anlegte. Mit jeweils einem Meter Abstand folgten ihm die Mönche in aufsteigender Hierarchie. Ich beschloss den doppelten Abstand einzuhalten und mich ebenfalls mit auf den Weg zu machen. Der Blick der hintereinander laufenden Mönche fiel geradeaus auf den Boden. Niemand sah sich während des Almosengangs um oder blickte weiter als ein paar Meter in die Ferne. Nichts, so lernte ich später, durfte einen suchenden oder bettelnden Eindruck hinterlassen. Das umfangreiche Regelwerk (Pætimokkha) der Mönche gibt vor keine direkten oder indirekten Aufforderungen nach Bedarfsgegenständen (mit Ausnahme von Wasser und Medizin) zu vermitteln. Um keine Last- und Drucksituationen für die Bevölkerung zu schaffen, wird nie konkret nach etwas verlangt. Auch evtl. falsch interpretierbare Blicke gilt es so zu vermeiden. Aus den Augenwinkeln zur Kenntnis genommene Mitmenschen, die am Straßenrand knien und Lebensmittel mit beiden Händen auf Kopfhöhe hielten, waren das scheinbar normierte Signal für eine vorhandene Spendebereitschaft. Die Spender wurden mit einem weiterhin auf dem Boden verweilendem Blick angesteuert, der Deckel der Schale angehoben, um mit ausreichendem Abstand (insbesondere bei weiblichen Spendern) die Gabe entgegen zu nehmen. So landeten handtellergroße Klebreisstücke aber auch Obst, Eier, Gemüse und in Plastiktüten abgepackte, frisch zubereitete Speisen in den Schalen der Mönche. Spenden dürfen von den Mönchen weder abgelehnt noch kommentiert werden. Mit weiter auf dem Boden verweilendem Blick wird der Deckel geschlossen und der weitere Weg bestritten.

Ich spürte die lächelnden aber auch musternden Blicke einiger Bewohner, die sich teils lautstark jedoch respektvoll über mich und meine am Vortag erhaltene Frisur freuten und, so vermutete ich, Nachbarn auf mich aufmerksam machten. „Farang Nak„- „ausländischer Mönchsanwärter„, hallte so oftmals durch das Dorf. Es kam nicht selten vor das mir Dorfbewohner ihren mitgebrachten Regenschirm überlassen wollten. Ich winkte dankend, aber sehr berührt ab und versuchte den Anschluss an meine Anführer nicht zu verlieren. Unser Weg führte bis an das andere Ende des Dorfes vorbei an weiteren Holzhütten und vor ihnen im Regen wartenden Spendern. Entgegenkommende Lastwagen und ganze Wasserbüffelherden warteten entweder am Straßenrand auf unser Passieren oder versuchten möglichst wenig unsere Routen zu kreuzen. Der hohe Respekt vor den Mönchen war allgegenwertig. Mit der letzten entgegen genommenen Spende machten wir uns schweigend auf den Rückweg zum Kloster. Ich nutzte die Wegstrecke zur  Aufbereitung des soeben erlebten und dachte über die Stellung der Mönche und die allgemein sehr hohe Spendebereitschaft der armen Dorfbevölkerung nach. In wenigen Stunden würde ich diesen Gang ebenfalls antreten dürfen.

Links:
Theravada Buddhismus bei Wikipedia
Buddhistische Ordensregeln (Theravada) bei Wikipedia

Ebooks:
Venerable Dhamma Sami – The manual of the bhikkhu bei dhammadana.org

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